Sprachentwicklungsstörungen

Früherkennung von Sprachentwicklungsstörungen

Sprachentwicklungsstörungen werden bei vielen Kindern zu spät erkannt und häufig erst Jahre nach dem Auftreten der ersten Auffälligkeiten behandelt. Die phoniatrisch-pädaudiologische Praxis Dr. med. Woltersdorf möchte zu einer Verbesserung der Versorgung von kleinen Kindern mit Entwicklungsproblemen im Großraum Chemnitz beitragen.

Normale kindliche Sprachentwicklung

Die normale Sprachentwicklung verläuft über viele Jahre. Es lassen sich aber markante „Eckdaten“ oder „Meilensteine“ in dieser Entwicklung nachweisen. So stellt z.B. bereits das erste Schreien eines Säuglings nach der Geburt den Beginn der Sprachentwicklung dar!

Weitere wichtige Eckdaten sind:

  • Kinder können ab dem 6. Monat Laute verdoppeln (absichtliche Lautnachahmung)
  • mit ca 1 Jahr werden erste Worte gebildet („ma-ma“, „pa-pa“)
  • mit 1,5 – 2 Jahren beginnen Zweiwortäußerungen („Mama da“)
  • ab 2,5 – 4 Jahre Erweiterung des Wortschatzes, Bildung von Konsonanten und ihrer Verbindungen. Anfänglich werden Laute gebildet, die für das Kind einfach sind, weil es sie mit den Augen absehen kann z.B. p, b, m, l und die Vokale a, e, i, o, u
  • Die normale Sprachentwicklung sollte mit etwa 4 – 5 Jahren abgeschlossen sein. Das bedeutet, daß ein Kind in der Lage ist, (fast) alle Laute richtig auszusprechen, Sätze mit einfacher Grammatik bilden kann und einen kindgemäßen Wortschatz besitzt.

Warum ist die Früherkennung von Entwicklungsproblemen bei Kleinkindern so wichtig?

Eine weit verbreitete Auffassung ist, dass sich Entwicklungsverzögerungen bei Kindern schon „auswachsen“ werden. Aus Erfahrungen können wir sagen, dass Entwicklungsprobleme jedoch in vielen Fällen recht hartnäckig sind und sich im Verlauf der Entwicklung ausdehnen und verstärken.
Aus einer anfänglichen Entwicklungsverzögerung kann leicht eine komplexe Entwicklungsstörung werden. So ist wissenschaftlich erwiesen, dass Kinder, die mit 2 Jahren einen deutlichen Sprachrückstand aufweisen, ein erhöhtes Risiko tragen, eine dauerhafte Sprachentwicklungsstörung auszubilden. Diese zieht neben emotional-sozialen Problemen nicht selten Lernprobleme in der Schule sowie Lese-Rechtschreibschwierigkeiten nach sich.

Gelingt es jedoch, Risikokinder für eine Entwicklungsstörung zu erkennen und zu behandeln, bevor die Probleme ein gravierendes Ausmaß erreicht haben, bestehen größere Chancen für das Kind, seinen Entwicklungsrückstand aufzuholen.

Warum spielt die Sprachentwicklung für die Früherkennung eine zentrale Rolle?

Die meisten Entwicklungsstörungen (z.B. Lernbehinderungen, geistige Behinderungen, Autismus oder auch eine allgemeine Entwicklungsverzögerungen) lassen sich an einer eingeschränkten Sprachkompetenz erkennen. Dies hängt damit zusammen, dass ein Kind erst sogenannte Vorausläuferfähigkeiten erworben haben muss (bestimmte Wahrnehmungsfähigkeiten, Denk- und Merkfähigkeiten und soziale Fähigkeiten), bevor es in der Lage ist, sprechen zu lernen. Wenn in der Entwicklung des Denkens, der Entwicklung bestimmter Wahrnehmungsfähigkeiten oder im sozialen Bereich schwerwiegende Probleme auftreten, wirkt sich dies folgenschwer auf den Spracherwerb aus. Die frühe Sprachentwicklung stellt damit eine Art Alarmsystem für den Gesamtentwicklungsstand dar.

Um Entwicklungsstörungen unterschiedlicher Art frühzeitig erkennen zu können, muss die frühe Sprachentwicklung insbesondere im Alter von 1 bis 3 Jahren besonders sorgfältig beobachtet werden.

Woran lässt sich eine Sprachentwicklungs-Verzögerung bei Kindern erkennen?

Unterschiede in der Entwicklungsgeschwindigkeit sind bis zu einem gewissen Grad völlig normal. Von einer Sprachentwicklungsverzögerung spricht man, wenn der zeitliche Ablauf der normalen Sprachentwicklung verzögert eintritt. In Rahmen einer solchen Entwicklungsverzögerung kann es auch zu

  • Auffälligkeiten in der Aussprache (Stammeln, Dyslalie)
  • im richtigen Erwerb und Gebrauch von grammatikalischen Regeln (Dysgrammatismus)
  • und in einem eingeschränkten Bedeutungswissen (Störung der Semantik) kommen

Stellt sich die Sprachentwicklung nicht bis zu 1,5 Jahren in Form von einfachen Worten ein, ist eine Vorstellung beim Facharzt für Phoniatrie und Pädaudiologie dringend zu empfehlen. Er kann bereits in diesem Alter eine für die Entwicklung bedeutsame Hörstörung feststellen oder ausschließen.

Dank umfangreicher Forschungsarbeiten weiß man, dass es einen Zeitpunkt gibt, der für die weitere Entwicklung besonders aussagekräftig ist: Um den 2. Geburtstag herum haben Kinder in der Regel einen Wortschatz von über hundert Wörtern und bilden Zwei- und Mehrwortsätze.
Ungefähr 15 % der Kinder in dieser Altersgruppe entwickeln sich in sprachlicher Hinsicht sehr langsam. Wenn die Kinder weniger als 50 Wörter sprechen, werden sie als „Late Talker“ bezeichnet. Ungefähr die Hälfte der Späten Sprecher holen ihre Verzögerung bis zum 3. Geburtstag auf. Die andere Hälfte aber bildet unterschiedliche Formen von Entwicklungsstörungen aus.

Zusammengefasst: Kinder, die mit 2 Jahren zu den „Späten Sprechern“ gehören, also weniger als 50 Wörter sprechen können, tragen ein etwa 50prozentiges Risiko, eine dauerhafte Entwicklungsstörung auszubilden.